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Was ist eigentlich normal?

Grundsätzlich bedeutet es ja „der Norm entsprechend“. Nun ich denke, wir sind Weltmeister der Normung, also extrem normal. Im technischen Bereich macht das DAS DIN, aber alles ist noch nicht erfasst. Und das ist gut so! Außerhalb DER DIN (aufmerksame Leser hätten sich jetzt gefragt: warum nicht „DES DINS“; Antwort siehe unten) ist alles normal, was der Mehrheit entspricht, oder? Die meisten Menschen haben zwei Beine, also ist das normal. Die Mehrheit der Männer sieht sich als Mann. Die Mehrheit der Bevölkerung in Deutschland ist christlich geprägt. Die meisten Menschen stehen zu ihrer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Statistiken, die die Normalität beschreiben. Ich sehe das entsprechend nicht wertend, sondern als Feststellung und wunderbaren Gedanken. Es ist gut, dass es auch Abweichungen von der Norm gibt, sonst gäbe es ja auch keine Normalen! Und: das macht das Leben interessant! Aber die anderen dürfen sich nicht als normal proklamieren.

Interview mit GORG nach Veröffentlichung
Er: Sag mal, Gorg, warum schreibst Du einmal DAS DIN und einmal DER DIN in Versalien?
Ich: och, ich fand das Wortspiel ganz lustig. Der Artikel ändert die Bedeutung des Wortes!

Ein Urknall deutscher Rockmusik

Vorbemerkung: Als Urknall wird in der Kosmologie der Beginn des Universums, also der Anfangspunkt der Entstehung von Materie, Raum und Zeit bezeichnet. (Wikipedia) Ok, das ist vielleicht ein kleines bisschen übertrieben in diesem Zusammenhang, aber manche verstehen  sicher, was ich meine.

Es gibt Künstler, die ich früher schonmal gehört habe und toll fand, aber mit der Zeit verblasst das Bild, auch weil das Werk nicht mehr aktuell erscheint. Dann entdeckt man zufällig mal ein Video, hört sich die Musik nochmal an, entdeckt ein noch tolleres Video und ist so hingerissen, das man möglichst alles konsumieren möchte, was es dazu gibt. Das passierte mir in diesem Fall.

Ich weiß, es ist schon sehr lange her und es wurde schon alles dazu geschrieben und keiner will mehr irgendetwas dazu lesen, dennoch kann man dieses Weibsbild nicht genug würdigen und ich möchte auch einfach mal meinen Senf dazu geben:

Nina heißt eigentlich Catharina und ist – wie alle schon längst wissen – eine Ostberliner Pflanze, der es in der DDR zu eng wurde. Die Tochter der Schauspielerin Eva-Maria Hagen, und als „Ziehvater“ wird Wolf Biermann genannt. Beides Größen ostdeutscher Kulturgeschichte. Der leibliche Vater Hans Oliva Hagen wird selten erwähnt. Sie machte rüber (oder wurde rübergemacht?) und ging kurz nach Hamburg und knüpfte wohl einen ersten Kontakt mit der Band einer anderen Koryphäe deutscher Popmusik: Udo Lindenberg. Diese lehnten eine Zusammenarbeit ab: „Zu viel Chaos“, obwohl sie sich selbst „Das Panikorchester“ nannten ;) Also Flucht nach England – in der Hochzeit des Punk und der damals wildesten Musikszene der Welt, suchte sie eine Gruppe, mit der sie Musik machen könnte.

Die Ansprüche waren hoch und wurden nicht erfüllt, so ging sie wieder zurück nach Berlin, und fand in der links-alternativen, gewerkschaftsnahen, bis dato wohl wenig erfolgreichen, in Geldnot lebenden Politrock-Gruppe mit dem wunderbar altmodischen Namen „Lokomotive Kreuzberg“ den – wie sich nachher herausstellte – idealen Partner. Daraus entstand die „Nina Hagen Band“. Mehr möchte ich zur Geschichte nicht erzählen, die ist einzigartig und umwerfend und wechselhaft. Ich würde niemals den Auftrag annehmen, eine Biographie über diese Furie zu schreiben, da müsste man jahrelang recherchieren und hätte trotz immensen Arbeitsaufwands doch nicht alle Fakten dieses unglaublich vielseitigen Lebens zusammen. Aber interessant wäre es schon!

Egal: mir geht es vor allem um diese erste Schallplatte mit dem schlichten Namen „Nina Hagen Band“ (1978). Es ist – objektiv gesehen – eines des wichtigsten Alben, der (deutsch-)deutschen Musikgeschichte. Es war unglaublich beliebt, aber dennoch denke ich, dass es bisher nicht ausreichend als historisch gewürdigt wurde.

Die ikonische Hülle zur Platte mit der maßgeblich verantwortlichen Protagonistin eines deutschen Rock-Urknalls, genial in schwarz-weiß abgelichtet durch einen recht bekannten Lichtbildner mit dem wunderbaren Namen Rakete – der sich auch professionell um die Band gekümmert hat – und schön, aber etwas kitschig nachkoloriert durch ihn, oder den Plattengestalter Herr Meinaß.

Ich dachte immer, nur die Engländer können in der Popmusik so wunderbar selbstironisch sein, und sich auf geniale Art und Weise aus Versatzstücken der Popwelt bedienen. Frau Hagen junior kommt daher und treibt das Ganze in nie dagewesener Art auf den Höhepunkt – und darüber hinaus. Die Sex Pistols waren brave Jungs dagegen – und vor allem nicht so echt.

Dies ist natürlich kein Punk! Aber ja, Nina selbst ist ein waschechter Punk, oder?  („Ich war immer Hippie gewesen, und wusste eigentlich gar nicht, dass ich Punk war“). Nein, sie ist beides! Rotzgöre und Herz (unverschämt, frech, ungehörig, respektlos, unbekümmert, provozierend, herausfordernd, humorvoll, charmant, liebevoll, sozial, empathisch). Nur, die Musik, die sie hier macht, ist eindeutig die Richtung siebzigerjahre Funkjazzrockdiscoreggaepunk, beeinflusst durch ältere und aktuelle Strömungen in der Popmusik, auch etwas Progrock, aber kein Krautrock. Das Besondere ist natürlich die umwerfende Opernstimme, ausgebildet am „Zentralen Studio für Unterhaltungskunst“ der DDR, als staatlich geprüfte Schlagersängerin, die auch Rockröhre, Geschrei, Kreischen, Jammern, Jodeln und alles andere kann. Ein Hoch auf diese Institution! Und sie ist leicht extrovertiert, mit einem gewissen Hang zur Selbstdarstellung,  und  übertreibt es ständig vollkommen  hemmungslos, und nervt damit natürlich auch. Egal! Der Punk ist damals prägend und die Hagen hat sich wohl irgendwann gedacht: „das kann ich auch“ und ein entsprechendes und perfektes Stück mit dem passenden Namen „Pank“ aufgeführt; damit war das Thema aber auch abgehakt. Sie ist da vielseitiger und wollte mehr.

Frau Hagen hat sich auch um den Spaß an der deutschen Sprache und deren Verbreitung verdient gemacht, die sie anfangs sehr selbstbewusst und kindlich-genial-originell-einzigartig-ostdeutsch in ihren Liedtexten einsetze (alle Texte, besser: lyrics) stammen von ihr; dazu muss ich wohl mal einen gesonderten Artikel schreiben!). Und das ziemlich unmanierlich, anstößig, unanständig, radikal, unflätig (= „so, dass es nicht den üblichen Regeln des guten Benehmens oder Anstandes entspricht“). Wir haben die Platte auch in den Achtzigern noch rauf- und runtergehört, konnten die Texte in- und auswendig. Und ich habe als junger Mann – wie alle damals – voller Inbrunst feministische Parolen und schräge Anspielungen in der Disco getanzt und mitgegrölt. Es gibt viele geniale Textschnipsel, die sich langfristig in unser Hirn eingenistet haben. Ein paar Beispiele:

Ich küsste Dich, Du küsstest mich, wiiir – küssten uuuns! (Eine musikalisch wunderbar dramatische Steigerung. Konjugieren kann sie auch! Und benutzt dabei das wunderbare Präteritum, das heutzutage etwas vernachlässigt wird. Und: Pfui, sie treibt es mit einer Frau!)

Dann lagen wir auf der Veranda, übereinander. (dieser Reim ist einzigartig in der deutschen Popwelt)

Marlene, hatte and’re Pläne (unglaublicher Reim)
Simone de Beauvoir sagt: „Gott bewahr‘!“ (unglaublicher Reim)
Und vor dem ersten Kinderschrei’n
Muss ich mich erst mal selbst befrei’n. (starke Stellungnahme)

In meiner Tasche klebt ’n Bonbon. (entsprechend süß gesungen und ist mir irgendwie hängen geblieben.)

Allein! Die Welt hat mich vergessen. (glaubt man nicht, passt aber zum Lied)

Ich glotz von Ost nach West. Ich kann mich gar nicht entscheiden – ist alles so schön bunt hier. (eine viel zitierte Anspielung)

Ich schenk‘ dir keine Kinder zum Zeitvertreib
Leg mir lieber Puder Kamm und Lippenstift bereit (eine humorvolle Form des Feminismus)

Ich wusste nichts von Deinen Ufern! (Was bedeutet das? Eine Anspielung für Eingeweihte?)

Off’nes Fenster präsenti-iert
Spatzenwolken, Himmelflattern (poetisch!)
Wind bläst, meine Nase friert
Und paar Auspuffrohre knattern (sie meint die Trabbis!)
A-aah.

Die Platte ist schon toll. Aber die Konzertauftritte erst! Ich bin zufällig auf ein Video („Naturträne“) eines Konzerts der legendären Reihe „Rockpalast“ gestoßen, die unbedingt sehenswert ist. Dieser Auftritt sollte nochmal ausführlicher betrachtet werden. Er hat mich dazu dazu gezwungen, diese Rezension zu schreiben. Die Musik wird durch eine unglaublich theatralische Mimik unterstützt. Sie kann auch wirklich tolle Grimassen schneiden! Ich habe Euch mal ein paar zusammengestellt:

Phänomenale Rotzgöre in Aktion, während eines grandiosen Konzertes im Rahmen der legendären Reihe „Rockpalast“ des WDR (1978).

Man kann diese Scheibe nicht verherrlichen, ohne die Musiker zu würdigen, die die Musik auch im Wesentlichen  komponiert haben, bis auf TV-Glotzer, eine Interpretation von White Punks on Dope, sowie Naturträne und Fisch im Wasser, die Nina eingebracht hat.  Der Gitarrist (Bernhard Potschka), als klassischer Macho-Gitarrist, aber mit Kajal-Augen. Er sieht aus und verhält sich so, als ob er eigentlich viel lieber in einer Heavy Metal Band spielen würde, ist aber vielseitig und spielt nicht nur unglaublich gut und unglaublich lässig, sondern hat auch einen Sinn für unglaublich gute Gitarrensounds. Er hat Riffs produziert, die mir in Herz und Blut übergegangen sind.  Und der Bassist (Manfred Praeker, leider †) auch mit wunderbarem Spiel, mit Aussehen und Sex-Appeal eines Mick Jagger. Mit großer Freude am Spiel, das ist sympathisch.  Und er spielt später auch mal einen Bass ohne Bünde, das muss man können! Der Tasteninstrumentenspezialist (Reinhold Heil) sah schräg, geradezu spießig  aus und hat wunderbar ursprüngliche Synthie-Sounds drauf gehabt und auch nachher noch eine ansehnliche Karriere hingelegt. Der Schlagzeuger (Herwig Mitteregger), auch mit tollem Spiel, achtet mal darauf,  ein Ösi, der auch später noch einiges von sich gegeben hat. Zusammengefasst: alles Individuen und Selbstdarsteller, die sehr professionell ihre Instrumente spielten und das auch sehr gut gemeinsam konnten.

Für diese historische Schallplatte kam alles gewollt und zufällig auf eine historisch und einzigartig geniale Art und Weise zusammen: die Sängerin mit der unglaublichen Stimme und Attitüde, deren irre Ost-West-Geschichte, die Punkzeit als wildeste Zeit der gesamten Popmusikgeschichte, die Gruppe mit Musikern, die zum Besten zählten. Ein Gesamtkunstwerk. Alleine über diese Scheibe könnte man ein Buch schreiben.

Leider war Madamechen etwas wechselhaft und wollte unbedingt Neues erkunden, wo ihr doch auf einmal  die ganze Welt offen stand. Die zweite Platte wurde aus vertraglichen Verpflichtungen noch aufgenommen (Musik und Gesang, nacheinander, getrennt!), aber dann war sie weg. Den genauen Grund konnte ich nicht recherchieren, ein Zerwürfnis wird genannt, Unberechenbarkeit und egozentrische Starallüren, Angst vor dem Erfolg, der unbändige Freiheitswillen der Sängerin; würde mich bei Gelegenheit sehr interessieren. (Nachtrag)   Die Rest-Gruppe war danach unter dem Namen „Spliff“ weiterhin sehr erfolgreich und supergut (wäre auch noch Artikelwürdig), bei Frau Hagen ging es auf und ab. Sie kehrte aber auch gerne nach Berlin zurück und engagierte sich auch politisch. Eine bodenständige Weltbürgerin. Schade um die Trennung [Seufz]. Ehrlich gesagt, ärgert es mich total! Sie hat später mit verschiedenen Musikern zusammengearbeitet, bei denen ich aber selten dieses gemeinsame Bandgefühl wiederfinden konnte. Vielleicht wollte sie sich selber mehr in den Mittelpunkt stellen.  Aber ich verstehe ihren absoluten Willen und sie hat es durchgezogen und sie ist sich treu geblieben (bis auf ein paar Kleinigkeiten: Kinder kriegen, mit einem Mann zusammen sein, englisch singen, vertiefter christlicher Glaube). Eine hochinteressante Persönlichkeit. Und superhübsch. Mit einem Superpunkoutfit.  „ICH HABE MICH IN SIE VERKNALLT!“

Schafft die Reklame ab! (Ein Buchprojekt)

Schon länger möchte ich mal ein Buch schreiben; so wie alle!

Darüber, dass Werbung verboten werden sollte. Weil Sie unser Leben nachteilig beeinflusst, weil sie uns manipuliert, weil sie nur Großunternehmen nutzt, die unsere Daten abgreifen und verkaufen und den Großunternehmen, die diese Daten für personalisierte Werbung benutzen, weil sie lügt, weil sie uns wirtschaftlich schadet, weil wir sie nicht brauchen.

Ich habe das Bedürfnis, die Welt ein wenig schöner und lebenswerter für uns alle zu machen. Ich kann mich nur noch nicht entscheiden, ob das ein Sachbuch wird (mit dem Ziel eventuell tatsächlich etwas in dieser Hinsicht zu bewirken, weil es fundiert ist, aber mit dem großen Nachteil, das man alle Behauptungen auch belegen muss) oder einen Roman (eher mit dem Ziel der Unterhaltung und dem Vorteil, das ich schreiben kann, was ich will, hemmungslos den Gedanken hingeben). Gibt es eigentlich auch etwas dazwischen? Ich hasse Entscheidungen für etwas und gegen das andere. Entweder, oder? Ich bin eigentlich mehr für das sowohl als auch. Ein Sachroman wäre doch gut!? Ich erfinde nebenbei ein neues Genre! Vielleicht wird es auch ein Glossenbuch. Oder ich muss zwei Bücher schreiben. Aber ich wäre wohl tot, bevor die fertig werden – etwas unbefriedigend. Eigenverlag oder etablierter Verlag? Welcher? Oh, das wird kompliziert. Aber eine Auswahl an Titeln habe ich mir bereits überlegt:

Werbung – Das Grundübel unserer Zeit
Reklame verbieten!
Werbung: Sollte abgeschafft werden
Ich und die Werbung.
Wie Werbung unser schönes Leben zerstört.
Schafft die Werbung ab!
Ohne Werbung wären wir alle glücklicher
Gegen Werbung – Für mündige Bürger

Bitte Idee und Titel nicht klauen. Ihr schafft das sowieso nicht so gut wie ich.

Querdenkerbommel

Ein schönes Wort, das ich bisher nie gehört oder gelesen hatte. Es ist mir in einer Film-Dokumentation des Spiegel über Verschwörungstheoretiker aufgefallen. Ein Thema, das ich sehr interessant finde. Ausgesprochen hat es die Teilnehmerin einer Demonstration gegen Maßnahmen der Bundesregierung zur Eindämmung des Virus‚.

Das Schmuckstück sei ein Zeichen für die Unabhängigkeit und die Nutzung des eigenen Gehirns. Das ist ja grundsätzlich gut (so einer bin ich auch), in diesem Fall aber leider nicht zutreffend, da das Gehirn nicht eingesetzt wurde, sondern ein diffuses Gefühl. Immerhin hat sie bestätigt, dass der Bommel sie nicht vor der Invasion einer schrägen Weltmacht oder vor den Strahlen schlimmer Mobilfunktechnik schützen sollte, sondern einfach nur eine Stellungnahme sei.

Eine verkrumpelte Kugel aus Aluminiumfolie wird zum Erkennungszeichen von Menschen, die Erkenntnisse hassen und das als eigenständiges Denken bezeichnen, obwohl es nur diffuse Ahnungen sind. Aluminiumfolie spielt übrigens in der Szene eine wichtige Rolle; bisher war auch der Aluhut sehr beliebt. Beides aktuell leider sehr verbreitet.

Natürlich kann und sollte man über Verschwörungstheoretiker lachen und sie nicht ernst nehmen. Weil sie einen ziemlichen Quatsch erzählen. Das ist besser, als wenn man sie ernst nähme. Dann müsste man sie verfolgen und einsperren, da sie genau genommen schlimme Lügen verbreiten und die Bevölkerung aufhetzen.

Ratschlagsucht

Wir leben in einer Zeit der aufstrebenden Ratgeberindustrie. Alles wird immer komplizierter, gleichzeitig lassen Wissen, Erfahrung, Geschicklichkeit und Intelligenz der Bevölkerung kontinuierlich nach und die Menschen brauchen mittlerweile professionelle Unterstützung, um ihren vollkommen anspruchslosen Alltag zu bewältigen, um einfachste, logische, klassische Lebensweisheiten zu erkennen und umzusetzen. Als vielversprechender Unternehmensgründer würde ich heutzutage ein Portal mit verbindlichen Ratschlägen für alle Lebenslagen meiner Nutzer erschaffen und einen Haufen Geld scheffeln.

Selbst der SPON – ein ehemalig angesehenes Nachrichtenmagazin – hat sein Angebot im politischen Bereich verringert und auf mehr Ratgebung umgestrickt; dort kann man jetzt Anleitungen zur Entspannung, zur gesunden Ernährung oder vielleicht auch zur Veringerung von Gesichtspickeln finden – gegen Gebühr! Anscheinend gibt es großes Bedürfnis danach, selbst, wenn es etwas kostet. Ich gebe eigentlich auch gerne Ratschläge (kostenlos!) und weiss, dass keiner darauf hört, und es ist mir egal. Aber einen wichtigen habe ich noch, und den müsst Ihr befolgen: Hört nicht so viel auf Ratschläge!

Ein Problem ist, dass es zu viele Ratschläger gibt. Und jeder sagt etwas anderes. Auf wen soll man hören? Was hilft wirklich? Warum sagen die einen dies, die anderen das? Das ist frustrierend. Die vielen Ratschläge zum Umgang mit Stress, Burnout, Erschöpfung setzen mich außerdem total unter Druck und bewirken das Gegenteil!

Schluss damit. Hört auf die innere Stimme, auf Euren Verstand, auf Euer Gefühl, auf Eure Erfahrung. Spart Geld und Stress. Und fragt bei Bedarf mal Eure Mama.

Rassismus

Ist eigentlich nicht so gut. Ich bin liberal und tolerant, und finde, man sollte etwas dagegen tun!  („Bezug!“ hätte mein Deutschlehrer hier angemahnt. Zu Recht! Aber ich liebe nunmal solche sprachlichen Spielereien und ich denke, er würde das verstehen und entsprechend benoten.)

Aber was? Nun: einfach alle Neger außer Landes bringen und keine mehr reinlassen – so einfach ist das! Aber: selbst wenn man dies täte, es gibt ja noch die Gelbhäutigen, die Schlitzaugen, die Mischlinge, Spaghettis, Amis, Polacken, Tommies, Ösis, Bayern. Die kann man natürlich auch alle raus schmeißen. Nur noch native Biodeutsche und Christen zulassen. Puh, aber was ist, wenn die einen Uronkel haben, der aus dem Ausland kam? Eine muslimische Großnichte vielleicht? Einen nicht-arischen Stiefvater? Was passiert, wenn wir die alle rausschmeißen?

Also, das wird zu kompliziert, hat schon früher mal nicht funktioniert und könnte ein paar Nachteile mit sich bringen. Was kann man noch tun? Nun, Aufklärung. Wird seit vielen Jahren praktiziert: alle sind gleich! Und wenn jemand mal nicht gleich ist, sind wir gefälligst tolerant! Der krampfhafte Versuch, Ausländer oder Behinderte (Neuschlimmdeutsch: Benachteiligte) in Filmen als besonders nette Menschen darzustellen, und damit Klischees mit Gegenklischees zu bekämpfen, wird seit vielen Jahren praktiziert. Ohne Erfolg. Das hängt mit dem Netz zusammen – und mit der individuellen Persönlichkeit der Betroffenen.

Auch bin ich der Meinung, zuviel des Guten kann kontraproduktiv sein. Es gibt Menschen, die sich dadurch provoziert fühlen und jetzt erst Recht eine Gegenmeinung entwickeln.

Es ist interessant – und aktuell etwas beklemmend – zu sehen, wie sich die öffentliche (oder mediale, oder politische) Einstellung zu manchen Erscheinungen starken Wandlungen unterworfen ist. Während wir früher als Kinder noch ohne Sorgen, unbedarft und mit großer Freude (ohne rassistisch zu sein – es gab damals auch keinen Anlaß) „Wer hat Angst vor’m schwarzen Mann“ gepielt haben, wäre das heute ein riesen-Skandal. Ich erinnere mich auch an ein Lied aus dem Musikunterricht in den Siebzigern, das eigentlich dazu diente, die Noten besser zu lernen:

„C-A-F-F-E-E, trink‘ nicht so vi-iel Ka-a-ffee. Nichts für Kinder ist der Tü-ür-ke-en-trank, schwächt die Nerven macht Dich bla-ass u-und krank. Sei doch kein Muselmann, der das nicht lassen kann!“

Wäre heute auch nicht mehr so angesagt. Der Zentralrat der Muslime fühlte sich verpflichtet, wegen schlimmster Verunglimpfung auf das Schärfste zu protestieren. Aber so waren die Siebziger. Es ist gut, dass es heute ein Bewusstsein für Diskriminierungen und Übergriffe gibt. Es wird aber manchmal dogmatisch übertrieben. Was mich zum Beispiel geärgert hat: In einem Kinderbuch mit Pippi Langstrumpf taucht das Wort „Neger“ auf. Das war damals kein Schimpfwort. In Neuauflagen musste dies aber wohl zensiert werden. Damit wird die Kunst vergewaltigt. Ich finde, man darf diese nicht verändern, egal warum. Und: Man kann das Wort doch einfach stehen lassen und den Kindern anhand des Beispiels wunderbar erklären, dass sich die Einstellungen in der Welt auch wandeln; Wörter bekommen andere Bedeutungen. So ist das eben. Aber, wenn es weg ist, gibt es auch kein Bewußtsein mehr!

Es ist so: Rassisten haben oft ein Minderwertigkeitsgefühl, denken nicht rational (ein kleiner Widerspruch; Denken ist ja immer rational; vermutlich denken sie gar nicht, sondern FÜHLEN unberechtigterweise etwas) und haben zum Beispiel die Angst, dass andere ihnen etwas wegnehmen. Oder sind einfach nur bescheuert intolerant. DAGEGEN  muss man etwas tun. Selbst wenn es keine Ausländer mehr gäbe, gäbe es noch Rassismus, dann eben gegen Ossis, Homophile, Frauen. Irgendwer ist Schuld an meiner Misere, nur nicht ich!