Ein unterstützenswerter Worterhalter

Diese Seite habe ich erst jetzt entdeckt. Ich wusste wohl schon von jemandem, der (wie ich!) schöne Wörter sammelt, und ich wollte mir das immer schonmal ansehen. Nun bin ich zufällig auf seine Seite gestoßen und bin etwas frustriert. Dieser Kerl nennt sich Lenny und hat meine Idee geklaut! Der erste Eintrag zu meinem Tagebuch ist vom Januar 2008. Bei ihm fing es erst 10 Jahre später an. Aber er macht es wesentlich ausführlicher und konsequenter als ich. Er sammelt und dokumentiert „Begriffe mit dem besonderen Klang.“ „schöne, seltene, originelle, alte Wörter aus der deutschen Sprache“. Ein wichtiges Anliegen.

Diese werden zu Listen mit bestimmten Themen zusammengefasst. Die Idee finde ich gut! Ich habe bis heute keine schöne Lösung gefunden, meine mühsam gesammelten Wörter wirkungsvoll zu präsentieren und habe mich auf die Minimalversion festgelegt: ein Lustwort pro Sekunde. Bei ihm kann man sich – je nach Stimmung (er ist ein Romantiker) – gleich eine ganze Liste bestimmter Wörter ansehen und sich daran erfreuen (Wohlfühlwörter, Schlummerwörter, Schimmerwörter, LUSTWÖRTER – das hat mich auf diese Seite gebracht!). Das wird schon lange in der Musik so gemacht – Abspiellisten für jede Stimmung. Wobei ich mich gerade frage, ob man sich bestimmte Musik anhört, wenn man in einer Stimmung ist, oder weil man will, dass die Musik diese Stimmung erzeugt. Egal. Bei ihm sind das Listen, mit bis zu 187 Wörtern, oder 99, 49, 59, 69, (niemals ganze Zehner, die 9 muss immer am Ende stehen) die heruntergerattert werden. Mit kurzer Einführung und Beispielen aus der Literatur. Manchmal immerhin mit Kommentar, und dann wird es erst interessant.

Manche Listen haben nur einen bestimmten Wortstamm gemein, Wörter, die zum Beispiel die Silbe „Wohl“ oder „LUST“ https://sternenvogelreisen.de/lust-woerter/ enthalten. Bei diesen habe ich den Eindruck, Monsieurchen hat einfach nur  das sehr empfehlenswerte Grimmsche Wörterbuch aufgerufen, seine Silbe in die Suchfunktion eingegeben, die Ergebniswörter kopiert und dann bei sich eingefügt; vielleicht nochmal etwas redigiert und ein paar gelöscht. Egal: das Ergebnis zählt. Aber keiner macht sich wohl die Mühe, alle Wörter einer Liste auf sich wirken zu lassen. Hier hätte ich mir eine größere Beschränkung oder mehr Erläuterung gewünscht.

Das Ganze macht er nicht nur zum Spaß. Sondern er hat ein Buch darüber geschrieben, das verkauft werden soll. Die Seite ist im wesentlichen eine Anstiftung dazu, die Hinweise dazu sind prominent und recht penetrant eingebunden. Schade. Trotzdem macht es großen Spaß, darin zu stöbern! Leider lässt er keine Kommentare zu.

Nach Ausweitung meiner Recherche, musste ich dann feststellen, dass es doch noch haufenweise andere Bücher gibt, die sich mit schönen, seltenen, in Vergessenheit geratenen, schrägen, lustigen, altmodischen, sonstwas Wörtern der deutschen Sprache beschäftigen. Dazu muss ich wohl leider nochmal einen getrennten Artikel verfassen. Ganz altruistisch rufe ich hiermit dazu auf, diese Bücher zu kaufen, da das Anliegen unterstützenswert ist. Guckt aber auch abundzu mal bei Lustwort vorbei, hier gibt es alles kostenlos und immer wieder mal Neues!

Ich fing an zu recherchieren, was er sonst so macht und habe festgestellt, dass er ein sehr umtriebiger und unternehmenslustiger Mensch ist, dass er fleißig auch noch andere Bücher schreibt und vor allem: dass ich ihm schon früher begegnet bin! Damals hieß er noch Sven und hat die wichtigste Netzgestalterbibel Deutschlands herausgebracht und unter dem in der Szene hoch angesehenen Namen „Dr. Web“ vertrieben (eine sehr interessante und reflektierte Geschichte dazu hat er hier verfasst).

Falls Du das liest: Danke Sven, das hat mir sehr in meiner Selbständigkeit geholfen, und ich habe mir das gelbe Buch damals auch gekauft! Und Dein Wörterbuch hole ich mir auch noch, muss ja gucken, was die Konkurrenz so macht …

Und den internationalen Nachfolger „Smashing Magazine“, leider nur in englisch, mir zu plakativ und abgehoben. Auch hat er einen Blog unter dem Namen conterest betrieben, der ganz interessant ist. Hier zeigt sich schon seine Vorliebe für Listen. Ein Listenfetischist!  In „1001 Gründe für Blogger“ nennt er tatsächlich ebensoviele. Ein beachtenswerte Fleißarbeit. Aber auch etwas beliebig. Auch hier wird das keiner durchlesen sondern nur vom Umfang beeindruckt sein. Der Artikel stammt von 2018. Dann kam nichts mehr. Es ist schade, dass dieser Blog und das Bloggen allgemein trotz der preisverdächtig vielen gebloggten Gründe weitgehend ausgestorben sind. Ein Ausdrucksmittel des Individualismus, der Selbständigkeit, der Freiheit, der Unabhängigkeit. Mehr Gründe braucht es eigentlich nicht, um eigenes zu veröffentlichen.  Heute treiben sich fast alle nur noch in Netzwerken der Großkonzerne herum und unterwerfen sich dem Anbieter und den Mag-Ich-Zahlen. Auch Svenny?

Und hier die Klickhilfe: https://sternenvogelreisen.de/

06. November 2020 // Deutsches, Rezensionen // 4 Kommentare

4 Antworten auf „Ein unterstützenswerter Worterhalter“

  1. Ja, Gorg, Du hast recht. Das Netz wird immer vernetzwerkter. Die schönen Altbaublogs weichen zusehends gesichtslosen Hochhausspaßseiten, wo man sich seine kostbare Zeit stundenlang verTikToken kann. Die gute Nachracht: Eines Tages werden viele schöne, eigensinnige und -artige Webseiten unter virtuellem Denkmalschutz stehen! Soweit sind aber allerdings nicht. Viele schöne Grüße PJ

    1. gorg sagt:

      Nur werden wir das wohl nicht mehr erleben, aber vielleicht erfahren wir ja posthum eine Würdigung ;-}

  2. Hallo GORG,

    vielen Dank für deine Rezension. Ich freue mich, wahrgenommen zu werden. Das Sammeln und Suchen von Wörtern ist mir zur Leidenschaft geworden.
    Diese Form von Wortlisten hatte ich das erste Mal tatsächlich für Conterest entwickelt. Damals habe ich mich als Blog(ak)tivist schreiberisch ausgelebt und hatte die Idee, die schönsten Wörter zu sammeln, damit Blogger ihre Posts damit aufwerten mögen. Ein eigenständiges Projekt ist erst später daraus geworden. Heute bin ich ganz froh, dass ich es habe, auch mit lästiger Werbung, weil Corona heftig bei mir eingeschlagen hat.

    Da du dir über das Geldverdienen mit Schreiben Gedanken gemacht hast: Ich suche mir meine Themen selbst und schreibe was ich will, auch Themen, von denen ich annehmen kann, dass sie auf wenig Interesse stoßen. Ich habe keine Startseite mit aktuellen Artikeln, keinen Newsletter. Ich arbeite unregelmäßig. Wann ich eben Zeit und Interesse habe. So habe ich keinen Druck, was machen zu müssen. Wenn ich einen Roman schreibe, passiert in Sachen Wortlisten gar nichts. Und trotzdem verdiene ich Geld damit. Eben mit den eigenen Büchern und mit der VG Wort. Aber keine externe Werbung, kein Adsense, keine Auftraggeber oder Sponsoren etc. Habe sozusagen meine Nische gefunden.

    Die Beiträge entstehen auf unterschiedliche Art.Manchmal sammele ich monatelang zu einem Thema, ein andermal gehe ich aktiv auf die Jagd und gucke in alles rein. Inzwischen habe ich meine Quellen und Techniken und Methoden. Manches ist einer Romanrecherche geschuldet, andere Sachen sind einfach nur aus Spaß oder Interesse entstanden. Oder aus einer Challenge, wenn ich mich selbst herausfordere.

    Witzig, dass du das »Gelbe Buch« kennst. Ist 20 Jahre her … Beim Smashing Magazine erschienen übrigens in der ersten Zeit (2006) fast nur Artikel von Dr. Web, die wir übersetzt hatten. Das waren ausschließlich Listen. Was die da heute machen, ist in der Tat ziemlich elitär. Mir als Seitenbetreiber hilft das gar nicht und ich lese da auch nicht. Habe redaktionell mit all dem schon lange nichts mehr zu tun. Man entwickelt sich. Manchmal auch auseinander.

    Sternige Grüße von Lenny Löwenstern*

    1. gorg sagt:

      Hallo Lenny mit dem Stern,

      danke für Deine Rückmeldung und den Einblick in Deine Arbeit, darüber freue ich mich sehr! Und es tut mir Leid, dass das Virus auch Dich trifft (Leute: kauft seine Bücher!)

      Es ist so schön, wenn man sich die Themen selbst aussuchen kann und schreibt, wie man will.

      Mach‘ weiter so!
      gorg

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