Schwermetall für Akademiker

Ich erwähne den Namen hier ungerne, da er Suchaggregate auf die falsche Fährte locken könnte und ich nicht unbedingt im Zusammenhang mit dieser Grippe, äh Gruppe, gebracht werden möchte. Da ich sie eigentlich furchtbar finden müsste. Die Musik ist schlecht, das Auftreten nur auf billige Effekte ausgerichtet, die Texte möchtegern tiefgründig und klischeehaft. Trashmusik! Der provozierende, pathetische und leicht faschistische Auftritt ist außerdem schwer von Laibach abgeguckt, die das aber schonmal besser gemacht haben. Aber die sind nicht rechts, die wollen nur spielen!

Und diese Ossi-Jungs sind schon gut – ja, hoch professionell! Und extrem erfolgreich. Ich habe kürzlich zufällig einen Konzertmitschnitt auf ARTE gesehen. „Live from Madison Square Garden. New Yorck“. Und war gefesselt. Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben geheadbangt. Dazu bewegt man den Kopf, oder sogar den ganzen Oberkörper,  rhythmisch zur Musik auf und ab und zwar so heftig, dass der Zuschauer denkt, der fällt gleich ab! Das passiert bei metalllastiger Musik des öfteren. Und eigentlich darf man das nur mit langen Haaren machen, wie beim klassischen Heavy Metal. Dies hier ist aber alles andere als klassisch.

Die Musik ist brachial. Ein Affensound und dazu auch ungewöhnlich: ein Tasteninstrumentalist ist dabei, der tolle Synthisounds beiträgt und auch für clownesque und spastische Tanzeinlagen sorgt. Schräg. Und da passiert noch mehr. Vollkommen übertriebener Einsatz von Pyrotechnik, Flammenstrahlen, Lichtschau. Der Sänger mit Taschenlampe im Mund, Bademütze auf dem Kopf und mit toller Mimik. Die übertreiben es hemmungslos bis zum Gehtnichtmehr! Ich möchte als Gruppe nicht in Konkurrenz stehen – keine Chance, das zu überbieten!

Es wird  deutsch gesungen und die Amis, die ausländische Sprachen eigentlich hassen, grölen [mißtönend schreien, brüllend singen, DWDS]  begeistert mit. Aber es ist auch Musik wie Pommes. Man ist erst wild darauf und danach fühlt man sich etwas unwohl. Dies ist dennoch ein vollkommen perfekter Auftritt. Seht Euch unbedingt dieses Konzert mal an, aber kauft auf keinen Fall ihre Platten.

Ich traue mich hier gerade nicht, das Konzert einzubinden, daher nur ein Ausschnitt von einem bekannten Videoportal:

Und das ist ein Lieblingslied:

Je mehr man sich mit dieser Gruppe befasst, desto vielschichtiger wird sie. Der plumpe erste Eindruck löst sich auf und man entdeckt immer neue Aspekte. Die Texte sind in Anlehnung an deutsche Literatur und Märchen verfasst. In der Musik kommen auch klassische Elemente vor. Die Provokationen gehen in alle Richtungen. Die Anspielungen oft zweideutig. Das ist Kunst! Und es ist ein irre gutes Marketing: Der sehr gut passende Name, das tolle einfache Logo, die eigenständige Musik, die exzentrischen Kostüme, die archaischen Klischees – das passt hier perfekt zusammen. Dieses Konzert war 2011. Da habe ich wohl eine entscheidende Phase deutscher Rockmusik bisher nicht ausreichend gewürdigt. Insgesamt waren sie auch ein guter Botschafter Deutschlands in der Welt. Oder?

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