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Meine Achtzigerjahre-Hedonistenkarriere

Habe nicht mehr alle Informationen parat und muss etwas recherchieren, wo meine liebsten Diskos (so hießen die Klubs früher (früher war mehr Lametta)) und Kneipen in den Achtzigern waren und was sie zu bieten hatten. Es gibt relativ wenig dazu im Netz, da es dies damals nicht gab, deswegen im wesentlichen nur meine eigenen Erfahrungen, ergänzt durch ein paar offiziell gefundene Infos.

Wichtiges

Turbine Rosenheim – Eisenacher Straße
Sehr gute Musik. Ich habe dort meine heutige Frau näher kennengelernt. Auch der damals noch unbekannte Plattenaufleger „Dr. (ich nehme an, eine illegale Titelaneignung) Motte“ hatte sie angebaggert, ohne Erfolg. Finanziell wäre das für sie sicher die bessere Partie gewesen.  Egal. Glück gehabt! Eines Abends kam Jim Jarmush durch die Tür, was mich begeisterte. Der war nach „Stranger than Paradise“ und „Down by Law“ ein Held! Der schlimme Wichtigtuer von Türsteher wohnte bei uns im Nachbarhaus und man konnte immer Abends durch sein Fenster beobachten, wie er vor dem Spiegel stand und stundenlang in genussvoller Eitelkeit sein wallendes langes Haar bearbeitete.

Dschungel – Nürnberger Straße
Den kennen alle. Und ja, war schon cool. Aber für mich damals viel zu etabliert, bäh, für die Schickeria! Aber auch für andere – eigentlich war es eine wunderbare Mischung. Aus heutiger Sicht sympathisch unkommerziell und mit wirklich guter, neuer Musik. Es wurde natürlich alles mögliche genommen und geraucht; einmal hatte ich einen wirklich bestialischen Gestank in der Nase, würde mich interessieren, was das war. Promis waren auch da, aber die erkenne ich meistens nicht. Ich erinnere mich auch an einen Besuch mit einem Freund F., der vorschlug, eine Frau anzusprechen, ob sie nicht einen flotten Dreier mitmachen wollte (was aus verschiedenen Gründen nicht umgesetzt wurde). Aber ich freue mich heute noch, dass wir neben den ganzen Promis vom Türsteher akzeptiert wurden und Spaß haben konnten: Mich hat eigentlch mehr die Stimmung und das Tanzen interessiert, als Promis zu sehen.

XXX – Adenauerplatz
Wie hieß noch der Laden am Adenauerplatz – Zugang nur über eine Außentreppe? Runde Tanzfläche,wie im Zirkus, nur mit einer einzelnen nackten Glühbirne beleuchtet. Kommt wohl auch kurz im Film B-Movie vor (?)… Freue mich über Hinweise.

Nachtrag: So langsam denke ich, das war das frühe Linientreu, das erst später in die Budapester umgezogen ist und dann uninteressant wurde?

Loft – Nollendorfplatz
Das war eigentlich DIE Konzertlocation. Im Nebeneingang zum Metropol. Ein legendäres Konzert von Fad Gadget (in dem er anfing, mit einem gekonnten Feldaufschwung die Hängedecke zu zerstören), ein legendäres Konzert der Einstürzenden Neubauten, die mit einem Presslufthammer die Wände bearbeiteten und ein erstes Konzert der Hosen, bei dem dieses passierte. Mich würde noch interessieren, wer für die ganzen Schäden aufgekommen ist. Am Eingang stand ein freundlicher, oft uniformierter Brite, der viel später zu einem glorreichen Film über die Achtziger beisteuerte.

Was macht man nur mit dem Mikro, wenn keine Hand mehr frei ist? Frank Tovey macht es vor. Und produziert dabei noch Geräusche, die gut zur Musik passen!  (Foto Boo Anderson / lastfm)

Metropol – Nollendorfplatz
Die Mutter des Loft? Aber auch langweiliger. Ich erinnere mich aber an ein – natürlich – legendäres Konzert von The Cramps. Ich hatte meine Kamera mit und stand ziemlich weit vorne und habe tolle Fotos geschossen. Damals analog – auf Filmstreifen, die von entsprechenden Dienstleistern  entwickelt und abgezogen werden mussten. Davon war eine Bekannte so begeistert, dass ich sie ihr ausgeliehen habe. Leider habe ich sie nie wieder bekommen. Ein paar Abzüge müssten aber noch irgendwo sein. Wenn ich Rentner bin, suche ich sie mal, weil die waren wirklich gut. Ansonsten uninteressante Disko.

Café Swing – Nollendorfplatz
Keine Disco aber tolle Konzerte. Direkt neben Loft und Metropol. Immer zu voll und zu eng, aber schwer Avantgarde. Beginn 1.00 Uhr morgens und meist umsonst.

SO36 – Oranienstraße
Darf natürlich nicht fehlen. Ein furchtbarer, stickiger, enger, verrauchter, voller, dreckiger Punk-Laden, legendär. Die Geschichte dazu sollte man sich mal durchlesen/streamen/zappen! Auch unbedingt die geniale und einzigartige Dokumentation ansehen: „So war das S.O. 36“. Da möchte ich nochmal eine Kritik zu schreiben. Ich wohnte damals in der Nähe und war daher gerne öfter da. Habe ein fast legendäres Konzert der Dead Kennedys verfolgt. Zum starkfühlen hatte ich mir eine Kunstleder-Punkjacke von meinem Freund F. ausgeliehen, der klamottenmäßig immer für alle Fälle gewappnet war. In die passten gerade mal zwei Dosen Karlsquell; zwei weitere musste ich in der Hand mitnehmen. Damals ging sowas noch. Und wenn das Konzert schlecht war – oder besonders gut war – pfefferten manche die leeren bzw. vollen Dosen auf die Künstler auf die Bühne. Das war nicht so schlimm, wie das auch übliche Anspucken. Und Ratten-Jenny war natürlich auch immer da. Den Laden gibt es heute noch.

Tempodrom – Potsdamer Platz
Auch ein legendärer Veranstaltungsort, an einem besonders historischen Platz – heute nicht mehr vorstellbar! Damals ein Zirkuszelt, mit einem Zaun drumherum. Ich wollte auf ein Konzert von DAF und ging solange am Zaun hin und her, bis der Aufpasser dahinter nicht mehr zu sehen war. Schwupp, drübergestiegen und im Zelt verschwunden. Damals war ich noch ein armer Student und es gehörte auch zum sportlichen Ehrgeiz, sich irgendwie an der Kasse vorbeizuschummeln, obwohl die Eintrittspreise lächerlich gering waren. Drinnen in der Manege waren mehrere halbstarke Männer mit nackten und schweißnassen Oberkörpern zu sehen, die in weißem Licht auf irgendwelche Geräte einhauten und einen irren Sound verursachten. Das war noch am Anfang meiner Berlin-Karriere und ich war sehr beeindruckt. In der Pause lief Gabi Delgado Lopez zufällig durch die Sitzreihen zwei Meter an mir vorbei, ein Held im Publikum! In späteren Interviews hat er sich als sehr sympathischer und reflektierter Zeitgenosse präsentiert. In der Zeit wohnte sein Bruder Eduardo in Neukölln (Sonnenallee) direkt neben mir und wir sind mal zusammen mit anderen in einem VW-Bus auf eine Party in der Pfuehlstraße gefahren. Er hat dabei ständig The Gun Club gehört, was mich etwas nervte. Ansonsten habe ich dort noch den wahren Heino und später die Ramones gesehen. Das war nicht mehr so beeindruckend.

Linientreu – Budapester Straße
Legendär, selten besucht, aber wohl gut.

Ferner liefen

Basement – Mehringdamm
Eine kleine unbekannte Absackerdisco mit guter Musik. Eher regional bedeutend. Etwas rockiger und erst später besucht. Ansonsten bisher keine weiteren Infos gefunden

bronx – Wiener Straße
War halt in der Nähe. „Das bronx in der Wiener Straße 34 in Kreuzberg befand sich in einem ehemaligen Kinosaal, der in den 70er Jahren unter dem Namen Wiener Lichtspiele als Underground-Discothek genutzt wurde.“ http://www.rockinberlin.de/index.php?title=Bronx
Mehr habe ich dazu nicht gefunden.

XXX – Am Ende der Hauptstraße (?)
Weiß den Namen nicht mehr, nur dass ich selten da war und zu Tears for Fears getanzt habe.

Sektor – Hasenheide
Späte Achtziger. Man tanzte auch mal zu Pop und Rap. Großer Laden mit einem eindrucksvollen Tunnel als Zugang. Habe ich da C. kennen- und liebengelernt? Die später dann zu meinem Freund R. umgeschwenkt ist?

Grex – Muskauer Straße
Ein kleiner Tanzschuppen in Kreuzberg 36. Das war schon eher in den späten achtzigern. Ich habe mich als DJ beworben und hatte Chancen. Weiß aber nicht mehr warum nix daraus wurde, ist auch ok so.

Sound – Genthiner Straße
Im Nachhinein sehr interessant. Scheint sogar mal in einem Tatort thematisiert worden zu sein. Eher ein Überbleibsel aus den Siebzigern? Weiß nicht mehr, warum ich so selten da war. Wird auch oft mit Drogenkonsum in Verbindung gebracht. Würde ich gerne mehr drüber erfahren.

Ballhaus Spandau
Etwas rockiger und ok, aber zu weit weg und kein Kult. Gibt es wohl heute noch!?

Madonna – Wiener Straße
Eine angesagte „Szenekneipe“ mit guter Musik; war mal eine Zeitlang Treffpunkt mit anderen. Gibt es wohl heute noch?

Trash – Oranienstraße
Ja, blöder Name, aber der Laden immerhin etwas punkiger als die anderen.

Triebwerk – Flughafenstraße
Etwas angesagte Kneipe in Neukölln, das damals sonst vollkommen uninteressant war. War Schichtleiter in einem Kraftwerk. Nach der Nachtschicht, ca. 6.00 Uhr morgens, gingen wir mit der ganzen Mannschaft noch dorthin, weil nichts anderes mehr auf hatte. Kollege P. spendierte etwas zu rauchen und wir haben uns wunderbar amüsiert und entspannt, bevor es dann doch ins Bett ging. Später war ich mal alleine dort und die hübsche Bedienung interessierte sich ungemein für die Hose, die ich an hatte. Das war eine Hose aus rotem Leder, zusammengehalten durch braune Lederstriemen, die ich mir mal selber geschneidert hatte. Am nächsten Tag brachte ich ihr die Hose; sie ging mit mir ins Nebenzimmer, zog sich – bis auf die Unterhose aus – und zog meine Hose an. Gekauft! Für 80,00 DM oder so. Etwas wenig im Nachinein und vor allem aus heutiger Sicht.

Exxcess – Kurfürstenstraße
Ich war wohl nur einmal da, hat aber einen bleibenden Eindruck vermittelt. Alles mit Weißen Fliesen; das obligatorische Neonlicht. Und dann standen noch drei Gestalteten in extremen New Wave Stil mit den wildesten Frisuren herum. Cooler und abweisender hatte ich es noch nie empfunden. Später zog dort eine Sauna ein. Heute ist in dem Haus oder Komplex wohl der „Ruhesitz am Zoo“. Wie sich die Zeiten ändern…

Madow – Pariser Straße am Olivaer Platz
War das die Disko, die Bowie betrieb? So raunte man sich zu. War für mich aber etwas uninteressant.

Far Out – Kudamm
Von den Sanyassins und später sehr angesagt. Hat mir nicht gefallen.

Fischlabor – Frankenstraße
Einer der Läden, die neu und wirklich außergewöhnlich waren. Gemütliche Athmosphäre – das war in den Achtzigern eine Revolution. Aber doch noch mit Neonlicht. Das war das, was man heute Lounge und Chillen nennen würde.

Cri du chat – Joachimstaler Straße
War ich mehrfach, kann aber nicht mehr dazu sagen.

Oranienbar – Oranienstraße
War sehr angesagt. Man trank Campari Orange oder Curacao Blue. Hinter der Theke war ein Spruch auf die Wand gemalt: „No fucking Beck’s“. Der gefällt mir heute noch.

 

Sonstige

Mir fällt auf, das mein heutiges Schöneberg mal total angesagt war. Hier noch ein paar bekannte Namen:

Risiko – Yorckstraße
Ich erinnere mich, wie Blixa Bargeld mir ein Bier über die Theke reichte.
Mr. Dead & Mrs. Free – Bülowstraße
Ein legendärer Plattenladen, der erst vor kurzen geschlossen wurde.
Scheißladen – Großbeerenstraße
Inhaber: Der wahre Heino. Hat sich neben seinen Auftritten im echten Heino-Stil einen Namen damit gemacht, unsere Nationalhymne zu FURZEN. War in Kreuzberg, und in der Nähe; war aber nie da.
K.O.B – Potsdamer Straße
Selten da, aber im besetzten Nachbarhaus öfter meine Kommilitonin D. besucht.
Ex‘n‘Pop – Schwäbische Straße
War ich nie, obwohl es wohl auch eine Reminiszenz an meinen Lieblingsmoderator war.
Cafe Mitropa – Goltzstraße
Hat mir nie so gefallen, gibt es aber heute noch – wegen Namensstreitigkeiten unter dem Namen Cafe M.
Domina Bar – Winterfeldtstraße
Dort ging man hin, wenn der Dschungel oder die anderen geschlossen hatten, also ca. ab 4.00 Uhr. Und man traf die anderen Diskogänger deren Läden geschlossen wurden. „Wo wart Ihr denn heute?“
Slumberland – Winterfeldplatz
Eine Legende, aber war ich auch selten. Und gibt es heute noch(?) Auch noch mit Sand auf dem Boden?
Music Hall – ?
War wohl mal da, weiß aber nicht mehr wo!?

Cafe Anfall – Gneisenaustraße
Ein netter, origineller, kleiner Laden. Betrieben unter anderen von einem Schulkumpel RCM (†). Beliebter Treffpunkt der Clique.

Ein paar mehr Infos gibt es noch von „Westbams Club-ABC“ auf der Seite von Zitty.

Vom 24. Juni 2019 in Achtziger | Kein Kommentar

Kapitalistenschweine

Ein schöner Kampfbegriff aus den Achtzigern. Könnte heutzutage wieder sehr aktuell werden. Hat aber keine Anhänger mehr. Die Menschen mögen die Konzerne wieder. Wird außerdem auch von der Rechtschreibkorrektur nicht erkannt. Auch Bonzenschweine nicht.

Vom 29. März 2019 in Achtziger, Wörter | Kein Kommentar

Verpasst

Es war 1989 als ich nach einem mittelmäßigen doch-noch-Studiumabschluß die letzte Chance nutzte, vor dem harten Arbeitsleben noch etwas die Welt zu erkunden.

Das war damals noch Amerika. Auf dieser Reise habe ich auch etwas anderes erlebt. Welche Story wollte ich jetzt schreiben? Ach ja, von einem besonderen, historischen Erlebnis, das ich nicht hatte. Ich war in New York auf einer Privatparty. Alle beglückwünschten und umarmten mich als deutschen. Warum!?

Also, ich las an diesem Morgen auch die New York Times auf deren Titel ein Foto von Menschen war, die auf der Mauer standen (oder tanzten)!? DER Mauer. Was ist da los in Berlin?

Ich lebe seit Anfang der Achtziger in dieser Stadt und war nie länger weg, als ein, zwei Wochen. Jetzt hat es mich erwischt. Ich habe DEN historischen Tag in der Geschichte meiner Heimatstadt verpasst. Die zurückgebliebene Freundin bestätigte mir leider telefonisch das fröhliche Chaos, das ausgebrochen war und was ich alles verpasste.

Ich saß allein in der Weltstadt N.Y. auf einer tollen Party, wurde als Held gefeiert und wünschte mir nichts sehnlicher, als in Berlin zu sein.

Mal Pech gehabt.

Mein Einstieg in Berlin

Es war Anfang der Achtziger. Mit dem R4 meiner Mutter und allen Sachen nach Berlin umgezogen. Eine Familienfreundin hatte mir eine temporäre Unterkunft angeboten. Ein Hochbett in einem ganz passablen Zimmer in der Danckelmannstraße.

Mein erster Eindruck von Berlin war schlimm. Ich hatte mir Großstadt, moderne Urbanität, viele nette Leute und schicke Gebäude vorgestellt. Statt dessen: Gaslaternen (Jahrhundertwende?), alles Altbauten mit vielen Verzierungen, die Stadt vollkommen heruntergekommen (seht Euch mal Filme aus dieser Zeit an!), coole und arrogante Leute, und mein R4 mit dem Umzugsgut wurde nach ca. zwei Tagen aufgebrochen und bestohlen.

Die Wohnungssuche war schwer. Es gab akute Wohnungsnot (kommt mir auch heute noch bekannt vor; Berlin eben.) Am Freitag- oder Samstag-Abend stellte man sich – auch als linksorientierter Springer-Hasser – vor das Hauptgebäude in der Kochstraße und wartete, bis die frisch gedruckte  Morgenpost ausgeliefert wurde.

Und ich war nicht der einzige. Als die Wagen um die Ecke kamen, hielten sie tatsächlich an und man konnte – wahrscheinlich illegal – die neueste Ausgabe der Zeitung (ein ehemalig erfolgreiches Printmedium) als erster erwerben. Die Zeitung mit den meisten Vermietungsanzeigen. Dann so schnell wie möglich zur nächsten Telefonzelle gerannt (damals gab es noch keine Schlautelefone) und die wichtigsten Angebot-Ersteller angerufen. Erfolglos.

Dann gab es eine Selbsthilfegruppe, die ich besuchte. Alle auf dramatischer Wohnungssuche. Es gab Vollkornbrot und Salbei-Tee. Und es kam irgendwann der Vorschlag: Wir besetzen einfach ein leer stehendes Haus! Ich war schockiert. Man kann doch nicht einfach die Tür aufbrechen und einziehen. Wichtiges Hintergrundwissen: Zu der Zeit gab es aufgrund der akuten Wohnungsnot weit über hundert besetzte Häuser in Berlin – weil die Jahrelang leer standen und die Eigentümer damit spekulierten. Es gab quasi ein Recht auf Besetzung. Man muss anerkennen, dass die Hausbesetzer dazu beigetragen haben, einen großen Teil der Altbausubstanz in Berlin zu erhalten! Später habe ich dann in einem der Häuser gewohnt, aber eher temporär. Dazu später vielleicht mehr..
(Aus dramatischen und fiktiven Gründen habe ich den Satz „Es gab Vollkornbrot und Salbei-Tee.“ in falschem Zusammenhang genannt: Dies gab es erst später, in einem besetzten Haus.)

Jedenfalls habe ich dann doch noch regulär eine Wohnung gefunden. In Kreuzberg 62 – da hatte ich erst etwas Bedenken. Aber wohl nicht so schlimm, wie 36 und Preis war ok. 185,- D-Mark pro Monat für zwei Zimmer. Ich hatte immer ein Faible für große Wohnumgebungen. Leider mit kalten Wasser, ohne Bad (zum Duschen ging man in das Stadtbad), Ofenheizung, Erdgeschoss, Blick in einen verkommenen Hof, Himmelsicht nur, wenn man sich vor dem Fenster auf den Boden legte und nach oben sah. Immerhin Innenklo. Und einmal hatte ich eine Ratte im Schlafzimmer. Aber es gab schöne Parties. Kein Problem, dass Karslquell-Dosen an die Wand gepfeffert wurden.

Mexico

Es war ca. 1989 als ich – nach dem Abschluss des (seeehr langen) Studiums – eine ausgedehnte Fernreise unternahm und dabei auch durch Mexiko fuhr. Genauer gesagt, wollte ich mit dem Nachtbus von Mexiko-Stadt nach Dallas fahren. In Mexiko gibt es Grenzen zwischen den Bundesstaaten, und da wird auch ab-und-zu kontrolliert. Jedenfalls gerieten wir in eine solche Kontrolle. Die Grenzschützer kamen in den Bus, sahen sich um, und zeigten auf mich, den einzigen Ausländer. Ich musste meinen Rucksack öffnen und den Inhalt zeigen und dann sagten sie: „Komm mal mit“.

Dann musste ich mit ihnen im Dunkeln in ein provisorisches Zelt gehen und den Rucksack auspacken. Die hatten alle schwere Maschinengewehre und sonstige martialische Ausrüstung bei sich! Und ich war alleine im nirgendwo. Damals gab es kein Mobiltelefon. Keine Verbündeten.

Dann kam die Forderung: Dollares. Häh? Dollares, 200. Ich verstand. Die hatten mich als Gringo identifiziert und wollten Geld von mir. Aber ich war Student, und deutscher und hatte nicht so viel Geld. Das versuchte ich klarzumachen. Ich verhandelte!

Meine größte Sorge war dabei, dass die Leute im Bus dachten, och, keine Lust mehr zu warten, ist ja auch nur ein Ausländer, fahren wir weiter. Und mein Koffer war noch in dem Bus! Egal, ich schlug vor: 20 Dollar und das wurde schließlich akzeptiert. Ich war überglücklich, dass der Bus gewartet hatte und konnte mit einem kleinen Verlust meine nächtliche Reise fortsetzen.

Mehr von dieser Reise

Bier weg, egal!

Dose des Anstoßes

Es war in den frühen achtzigern: die Toten Hosen im Loft. Ich stehe schön weit vorne, um einen guten Blick zu haben. Freue mich mit einer gepflegten Dose Karlsquell in der Hand auf ein schönes Konzert. Da geht es schon los: die Jungs  kommen auf die Bühne und fangen an zu schrammeln. Gassenhauer, aber nett.

Plötzlich springt mir ein wild gewordener Nachbar von hinten dermaßen auf den Rücken, dass ich umknicke und meine zu dreiviertel volle Bierdose auf den Boden fällt und ausläuft. Ich bin sauer: Eh, was soll der Scheiß? Ich sehe mich um und sehe, wie alle um mich herum durch die Gegend hüpfen und sich gegenseitig anspringen!?

Pogo nennt man das. Eine Erscheinung, die vor allem bei Punkmusik anzutreffen ist. Also, es blieb mir nichts anderes übrig, als mitzumachen. Und es hat Spaß gemacht. Zu Bommerlunder, belegten Brötchen mit Schinken und Ei und so. Das Bier war jedenfalls schnell vergessen. Mein Einstieg in die sportliche Pogowelt. Auch wenn die genannte Kapelle natürlich keinen Punk spielt. Damals war man nicht so wählerisch. In den späten Achtzigerjahren haben wir dann zu Madonna Pogo getanzt (nicht mehr ganz so wild…).

[Kleine Anmerkung in Nachhinein: Ich mag Campino und bewundere seine Aufrichtigkeit, aber singen kann er nicht, nur gröhlen; die Musik der Hosen ist mittelmäßiger Rock und vollkommen überschätzt! Das musste mal raus.]

Johannes Pelle

Im Laufe dieses Tagebuchs möchte ich doch gerne die meisten der Personen erwähnt haben, die mich beeindruckt haben oder die mein Leben wesentlich beeinflusst haben. Es sind wenige, daher sollte die Aufgabe lösbar sein.

Zu diesen Menschen gehört jedenfalls auch ein britischer Radiomoderator mit dem Namen John Peel († am 25. Oktober 2004). Laut Wikipedia einer der einflussreichsten Experten für Popmusik. POPMUSIK??? Die hat er natürlich nie gespielt. Es war immer sehr persönliche und sehr außergewöhnliche und gerne schräge Musik.

Bei mir fing es in den frühen achtzigern an, als ich zu Besuch bei meiner Schwester in Hannover (!) zufällig seine Sendung im Radiosender der britischen Streitkräfte BFBS hörte und sofort begeistert war. Später in Berlin saß ich Samstags Nachts immer in meiner Erdgeschosswohnung und musste die Radioantenne drehen, verlegen, umstöpseln, hochheben, treten, überkreuzen, austauschen, verlängern, beschwören, um die Sendung auf BFBS Berlin halbwegs vernünftig empfangen zu können.

Das war für mich ganz neue Musik. Herr Peel hat auch einen schönen britischen Sarkasmus, der immer zwischen den Titeln zum tragen kam. Die Musik gefiel mir nicht immer: Die viele afrikanische Musik mochte ich nie, The Fall, seine Lieblingsband auch nicht. Aber zum Beispiel The Clash, The Cure, Joy Division,  Siouxsie and the Banshees, New Order, P J Harvey, Roxy Music, Sex Pistols, The Smiths, X-Mal Deutschland, Cocteau Twins durchaus – heute alles Helden.

Ich habe damals viel aufgenommen, auf Tonband oder Kassette, die Qualität des Materials entsprechend mies – hinzu kam noch der schlechte Empfang mit sporadischem Rausch(en) (analog auf UKW!). Dank des Netzes konnte ich jetzt einige Sendungen in guter Qualität finden und von Zeit zu Zeit mal wieder reinhören. Schön!

Es klingt aber auch wie aus einer anderen Zeit.

Würden Sie  diesem Menschen vertrauen? Ich tue es. Bedingungslos.
Foto: Len Trievnor/Getty Images

Hier noch ein Verweis auf die Intromusik zu seiner Sendung: Link

Susi und die Todesfeen

Ich möchte doch endlich auch mal über meine zweite Lieblingsmusikerin schreiben: Siouxsie Sioux, Sängerin und Chefin von Siouxsie and the Banshees. Frau Sioux verkörpert für mich den New Wave (Optik und Klang), den ich liebe. Der Sound geht tief in den Körper hinein. Das Outfit: schöner Edelpunk. Die Stimme ist wunderbar. Der Gesang ist gern einen Halbton daneben und klingt trotzdem gut! Das können nur wenige Sänger. Johnny Lydon zum Beispiel oder Ian Curtis, wie bereits erwähnt. Anyway, Siouxsie war fleißig und hat sehr viel Musik gemacht auch mit einer zweiten Gruppe, mit ihrem Liebling und Drumer Budgie: The Creatures, auch sehr hörenswert. Ein Gesamtkunstwerk. Ich habe mir ein T-Shirt mit ihrem Bild gekauft. Beachte: die Bezeichnung „zweite Lieblingsmusikerin“ ist nicht wertend gemeint, nur hatte ich bereits früher über meine andere Lieblingsmusikerin geschrieben …. Übrigens beide recht unbekannt in Deutschland.

Susi noch jung und wunderbar trotzig…

Vom 16. April 2018 in Achtziger, Musik | Kein Kommentar

B-Movie – Ich war dabei …

und kann mich gut erinnern. Zumindest bringt der Film (Untertitel: Lust & Sound in West-Berlin 1979–1989) einige Erinnerungen wieder zutage, was durchaus für ihn  spricht!

Auf zeit.de wird etwas kritisch berichtet, dass Mark Reeder ja wohl nicht alles miterlebt haben könnte, aber darum geht es doch gar nicht! Dies ist ein Dokumentarfilm mit weitgehend historischen Aufnahmen, der für das Kino fiktiv aufbereitet wurde. Und ich bin glücklich darüber, dass nicht diese unsäglichen Interviews mit Zeitzeugen geführt werden, sondern eine Art Spielfilm daraus gemacht wurde: Ein (vermutlich alternder, charmanter,  kenntnisreicher, britischer (!)) Protagonist blickt zurück auf seine Glanzzeiten in Berlin und führt uns teilweise „live“ durch das Geschehen.

Und er war tatsächlich fast überall dabei. Wer die Zeit und die entsprechenden Etablissements mitgemacht hat, ist Mark Reeder (entweder in Uniform oder traditionell britisch mit Knickerbockers) ständig über den Weg gelaufen. Immer freundlich und offen, was nicht typisch für die Zeit war.

Natürlich fasst der Film nur die absoluten Höhepunkte der damaligen Punk und Postpunk Zeit zusammen, aber das Feeling der Zeit wird supergut dargestellt.  Schön, dass neben den allseits bekannten Protagonisten auch die Notorischen Reflexe berücksichtigt werden, die mich damals sehr beeindruckt haben, über die es aber kaum Informationen gibt. Außerdem mehrere beeindruckende Schlüsselszenen: Zum Beispiel Blixa Bargeld, wie er über den Osten befragt wird und etwas traurig und verloren kundgibt, dass ihn der Osten nicht interessiert und dann trotzig hinzufügt, das er es gut findet, in einer Stadt zu wohnen, wo man nicht weiß was die andere Hälfte macht. Genauso war die Stimmung! Oder Nick Cave, wie er sagt, dass er in Berlin gelernt hätte das zu machen was er wollte und nicht auf andere zu hören. Und darum ging es!

Übrigens die „Hintergrundmusik“ (der komplette Soundtrack) ist – mit Ausnahmen – unglaublich gut und passt sehr gut zu den Bildern. Das Titelstück „You need the drugs“ ging mit sofort und bleibend unter die Haut. So achtziger und wavig und psychedelisch! Im Nachhinein habe ich erfahren, das das Stück von Westbam – immerhin mit Richard Butler – wohl erst im Jahr 2013 aufgenommen wurde 😉 egal. Auch das Wortspiel im Untertitel des Films habe ich erst später verstanden – ist aber auch nicht sooo genial.

Insgesamt kommen mir die Protagonisten sonst zu fröhlich vor, ich habe die Menschen damals eher als sehr abweisend und mit einer extrem unfreundlichen – eben berliner – Art erlebt. Ein paar kleine Mäkelpunkte: der Dschungel, war zwar sehr angesagt, aber vielen auch schon zu etabliert; es gab noch viele andere  Disccos (so hießen die damals noch!). Das Exxess fällt mir ein (und wie hieß noch der Laden am Adenauerplatz?); auch das Cafe Swing direkt neben dem Metropol/Loft, in dem kleine aber auch sehr außergewöhnliche Veranstaltungen stattfanden sollte erwähnt werden; das Atonal Festival? Es fehlen auch die Demonstrationen (es werden nur Krawalle gezeigt, aber nicht die vielen und riesigen Demos (mit Musik von Fehlfarben), die Zeit war extrem politisiert! Aber hier geht es ja um die Kunst und die Musik, die Anarchie und ums Koksen/Saufen und das ist gut so.

Zeit und Ort waren wirklich wild, einzigartig und unwiederbringbar, und der Film zeigt das wie kein anderer! Aber wahrscheinlich wissen nur die das zu schätzen, die dabei waren. Für Euch auch empfehlenswert: „So war das SO36“ (von hier wurden die knutschenden Punks in der U-Bahn ausgeliehen/wiederverwertet)…

Vom 09. Dezember 2015 in Achtziger, Kultur, Lieblingsgeschichten | Kein Kommentar

Achtziger Party

Seit einiger Zeit plane ich bereits eine Party mit dem Motto „Die Achtziger“. Aus dreierlei Gründen: Zum Einen bin ich geprägt von der Musik der Achtziger, nein, das war nicht meine Jugendzeit, einfach die Musikära, die mich am meisten beeinflusst hat. Zum Anderen gibt es eine konkreten Anlass, oder tatsächlich mehrere Anlässe, wie Alter, Jubiläum 1, Jubiläum 2, die ein Fest quasi zwingend erforderlich machen. Und schließlich wollte ich schon immer mal wieder eine Party machen, auf der getanzt wird (nicht gequatscht) und auf der sich alle treffen und gut verstehen. So wie früher! Gerne mal generationsübergreifend. Die Musik habe ich schon ausgesucht und zusammen gestellt. Die Selbstgestaltung im Stil der Achtziger wäre Pflicht. Das Programm steht auch schon:

*Programm Party 50*
ab 20:00 Treffen
ab 22:00 Tanzen
ab 24:00 Grölen
ab 02:00 Pogo (bitte keine Karlsquell-Dosen an die Wand pfeffern)
ab 04:00 Schnell nach Hause (wir sind ja nicht mehr die jüngsten)

Anmeldung nur über eine zu erstellende Website. Nun, bisher ist das Projekt aufgrund fehlender Organisationszeit und passender Räumlichkeiten nicht umgesetzt. Aber auch noch nicht aufgehoben. Weiteres bald.

Vom 05. Januar 2011 in Achtziger, Musik | Kein Kommentar