Mein Einstieg in Berlin

Es war Anfang der Achtziger. Mit dem R4 meiner Mutter und allen Sachen nach Berlin umgezogen. Eine Familienfreundin hatte mir eine temporäre Unterkunft angeboten. Ein Hochbett in einem ganz passablen Zimmer in der Danckelmannstraße.

Mein erster Eindruck von Berlin war schlimm. Ich hatte mir Großstadt, moderne Urbanität, viele nette Leute und schicke Gebäude vorgestellt. Statt dessen: Gaslaternen (Jahrhundertwende?), alles Altbauten mit vielen Verzierungen, die Stadt vollkommen heruntergekommen (seht Euch mal Filme aus dieser Zeit an!), coole und arrogante Leute, Berliner Schnauze – und der R4 mit dem Umzugsgut wurde nach ca. zwei Tagen aufgebrochen und bestohlen.  // weiterlesen! 

Problembehandlung auf berlinerisch

Ich habe bereits leicht kritische Artikel über die politische Unführung in Berlin geschrieben (die ist gemeint; es fehlt noch einer zum Schulsektor) und mich entsprechend ausgelassen. Und Ihr kotzt jetzt wahrscheinlich ab, weil Ihr das Thema nicht mehr hören könnt; ich eigentlich auch nicht mehr; und es ist auch vollkommen sinnlos darüber zu schreiben, weil es nichts nutzt; und es gibt natürlich schöneres. Fast alles ist schöner! Aus ständig aktuellem und sich wiederholendem Anlass muss ich aber doch noch mal etwas dazu loswerden, das mir in letzter Zeit aufgefallen ist.

Es ist ja mittlerweile bekannt und akzeptiert, dass in Berlin alles schief läuft, was schieflaufen kann, dass an Problemen herumgedoktert wird anstatt sie zu lösen, dass vollkommen unfähige Menschen mit hohen Ämtern bekleidet sind und ohne jegliche Erfahrung machen können, was sie wollen, dass es Bestrebungen gibt, das Rad zurückzudrehen und den Sozialismus in beiden Teilen der Stadt einzuführen. Das hat viel mit der aktuellen Stadtregierung zu tun. Ich fürchte aber, mit einer anderen wäre es nicht viel besser. Das Versagen hat Tradition in Berlin und den Bürgern scheint es egal zu sein, weil niemand jemals für sein schlimmes Handeln zur Verantwortung gezogen wird.

Aber ich möchte auch mal etwas positives hervorheben!

Das ist die unglaubliche Kreativität im Umgang mit Problemen – die bewundere ich! Hier ein paar herausragende, fast historische Beispiele:

  • Straßen sind kaputt? Kein Problem, wir reduzieren einfach die Höchstgeschwindigkeit, damit es keine Klagen gibt
  • Keine Lust, den Grünstreifen zu pflegen? Kein Problem, der wird zur Wildblumenwiese erklärt und sich selbst überlassen.
  • Zuviele Luftschadstoffe durch den Autoverkehr? Kein Problem, wir setzen einfach Geschwindigkeitsbeschränkungen auf den Hauptstraßen um, dadurch wird weniger emittiert!
  • Autofahrer fahren immer massiver bei Rot über die Ampel? Problem erkannt; bei Problembehandlung versagt: es werden zwei bis drei neue homöopatische Blitzer für ganz Berlin aufgestellt.
  • Keine Lust, den Müll wegzuräumen? Geniale Idee: das können doch die Touristen machen!
  • Der öffentliche Nahverkehr bricht immer öfter zusammen? Wird nicht als Problem anerkannt.
  • Busspuren werden ständig zugeparkt? Soll sich die BVG selber drum kümmern.
  • Der Leiter einer Problemschule wird zu beliebt und ist auch noch erfolgreich? Den sägen wir ab – bloß keine Eliten mehr.
  • Die Schulnoten werden immer schlechter? Kein Problem, einfach die Anforderungen senken, dann stimmt’s schon wieder!
  • Es gibt zu wenige Lehrer? Kein Problem, wir senken einfach die Einstellungsanforderungen; dann kann jeder auf unsere Kinder losgelassen werden.
  • Die Mieten steigen zu stark? Bloß nicht den Wohnungsbau fördern! (mehr dazu)

Ein Beispiel für kreative Problemumgehung in Berlin. Keine Lust, den Grünstreifen zu pflegen? Wir machen eine Wildblumenwiese daraus, das Schildaufstellen kostet sicher weniger! (Seht Euch auch mal etwas genauer das Ergebnis an; gesehen: Altonaer Straße am großen Stern 26/08/19).

Also, ich habe immer gedacht, als Profi sollte man Probleme erkennen, angehen, lösen und nicht verschieben, delegieren, umgehen, verklären, ignorieren, ideologisieren, verbrämen, verdecken, schönreden.

Dies ist keine Politikerschelte. Ich bin Anhänger der repräsentativen Demokratie, aber ich wünsche mir zurecht auch etwas Professionalität, wie in anderen Bereichen. Hallo? Ihr arbeitet auch für mich; ich bezahle Euch mit! Mehr Altrusimus und weniger Ideologie. Gemeinsamkeit, statt Ausgrenzung. Berücksichtigung aller Belange.

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Schlagzeilen von gestern, heute, morgen, übermorgen

Ich brauche keine Nachrichten mehr zu lesen oder zu hören, ich weiß schon, was kommt:

  • Großbritannien droht der EU mit hartem Brexit
  • Israel baut weitere Siedlungen im Westjordanland
  • der Rechtspopulismus nimmt weiter zu
  • die Fertigstellung des BER verzögert sich
  • Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken
  • die Türkei inhaftiert und foltert Oppositionelle
  • der Berliner Senat plant Verbesserungen
  • in China ist ein Sack Reis umgefallen
  • die Infektionszahlen steigen mal wieder
  • in Russland wurde ein Oppositioneller umgebracht
  • In den USA wurde ein Schwarzer von Polizisten erschossen
  • In Italien stehen Neuwahlen an
  • Bayern gewinnt den XXX-Titel, den YYY-Cup, die ZZZ-Meisterschaft
  • die Bundesregierung verspricht Verbesserungen für den Fahrradverkehr
  • Die sozialen Medien versprechen mehr Datenschutz
  • der amerikanische Präsident hat einen Pups abgelassen
  • der Berliner Senat hat bei der Umsetzung eines Vorhabens versagt
  • in Brasilien wird der Urwald – in der Größe des Saarlands (o.ä.) – abgeholzt
  • die Klimaerwärmung nimmt zu
  • eine Kulturveranstaltung wurde wegen Drohungen abgesagt
  • etc. pp.

Politik mach keinen Spaß mehr.

Die unerträgliche Schönheit des Untergangs

Auf dem Gymnasium habe ich in Kunstgeschichte unter anderem gelernt, Bilder zu beschreiben und zu interpretieren. Dabei ging es um klassische Kunst, große und bekannte und vor allem anerkannte Künstler. Man kann aber natürlich auch andere Bilder betrachten. Wichtig ist, dass diese besonders sind, eine Aussage und/oder eine Bedeutung haben. Also, hier nach mehreren Jahrzehnten ein neuer Versuch der Bildbeschreibung, an einem Objekt, das mich dazu inspirierte und das eine gewisse gesellschaftliche Rolle spielt(e).

Hat sich hier jemand einen Scherz erlaubt?

Man sieht eine karge Landschaft in düsteren Farben. Alles ist in Grautönen gehalten, mit leichten Nuancen in das rötliche. Tief hängende Wolken, ein unendlicher Horizont. Im Hintergrund könnte das Meer sein. Eine Szene am Strand? Egal, entscheidend ist das monströse Gebilde in Bildmitte. Auf den ersten Blick ein riesiger Pilz. Auf den zweiten: eine Rauchwolke, wie sie typisch für Fotos von Atomexplosionen ist, also ein „Atompilz“. Mit Fuß, mit Stamm und mit Kopf.

Das abweichende ist vor allem der Kopf. Es sieht eher aus wie eine dreiköpfige Hydra. Einer nach links, einer nach rechts und einer nach vorne. Und dieser ist nochmal besonders: wenn man genauer hinsieht, erscheinen ein Knollennase, zwei Augen, ein groß geöffneter lachender Mund. Ein Clowngesicht! Als ich dies bemerkte, fragte ich mich: ist das ein echtes Foto? Ist das vielleicht gemalt, manipuliert, eine Persiflage?

Ich fing an zu recherchieren. Es gibt Suchmaschinen, die ähnliche Bilder oder Webseiten finden, die das Bild darstellen. Ich konnte keine Originalquelle finden. Kein Hinweis darauf, ist das ein Foto oder gemalt? Das macht die Sache mystischer, aber etwas unbefriedigend. Falls jemand hierzu etwas sagen kann, gerne, danke. Es gibt aber noch andere Bilder mit beeindruckender und erschreckender Schönheit (LINK)

Ich fürchte, das Bild ist nicht echt. Zumindest kein Foto. Schade.

Ich hatte damals in Kunst eine 4. Ich denke und hoffe, dass der Lehrer von dieser Interpretation begeistert wäre. Aber es liegen ja auch viel Jahrzehnte dazwischen. Sehr wahrscheinlich ist er tot und kann sein Urteil nicht mehr revidieren.

01. Oktober 2018 // Kulturelles // Kommentar schreiben!

Flüchtlinge

DAS Thema derzeit (und ich liebe Wörter mit der Endung -ling).

Eine kleine Begebenheit dazu: Ich bringe den Sohn zum wöchentlichen Fußballtraining bei der alten Schule und fahre wie gewohnt in die Einfahrt, um im Hof zu parken. Huch so viele Menschen hier heute, dass ich kaum durchkomme. Ein Mann im Anzug faucht mich an: „Was wollen Sie? Sie können hier nicht durch!“ „Aber ich will doch nur meinen Sohn zum Fußball bringen“. „Das geht nicht, hier ist jetzt ein Flüchtlingsheim“.

Ich darf nicht mal weiterfahren, um zu drehen und bekomme etwas Panik: viele Menschen, in Zeitnot und komme nicht weiter. Da helfen mir zwei nette Flüchtlinge: schieben die Kinder beiseite und geleiten mich wieder raus … Alles ok. Der Sohn kann die paar Schritte auch laufen. Nur der Anzugmann (vermutlich Vertreter der  Flüchtlingshilfeorganisation) sollte etwas gelassener sein. Bin ich auch.

Nachtrag vom 5. Mai 2017: Der Parkplatz ist wieder frei. Keine Flüchtlinge mehr. Es ist eine Volkshochschule eingezogen. Flüchtige Flüchtlinge …

06. Oktober 2015 // Erfahrungen // Kommentar schreiben!

Wichtiges

Es ist schön, zu sehen, wie etwas, das einem mal extrem wichtig war, auch mal wieder unwichtig wird. Zunächst wollte ich dieses Tagebuch unbedingt einem bekannten Schreiberling nahebringen, den ich großartig fand, der aber totz wiederholter Kommunikationsversuche, nicht willens war, zu antworten. In der Zwischenzeit rasen die Gedanken davon. Und ich entdecke andere Schreiberlinge, die auch nicht schlecht sind und die sich als Zielgruppe anbieten. Konkurrenz ist etwas gutes (wenn man der Konsument ist)! Mittlerweile bin ich gar nicht mehr soo wild auf den Erstwunschkontakt. Phasenweise sogar eher auf gar keinen Kontakt. Das kann einen ja auch unter Druck setzen. Ich existiere auch so.

Dazu fällt mir eine extrem gute und komprimierte Szene aus „Blow Up“ ein. Späte Sechzigerjahre, genaugenommen 1966. Der Hauptprotagonist läuft etwas ziellos durch die Stadt und landet in einem Beatkeller, dem wohl damals real existierenden und einflussreichen Ricky-Tick (das bedeutet: „as soon as possible“ oder es bezeichnet „A style of jazz regarded as old-fashioned or unsophisticated“). Es spielt, in einer legendären Szene, eine legendäre Band, mit den später legendären Jimmi Page und Jeff Beck, ein tolles Stück (für die Liebhaber unter Euch: The Yardbirds – Train Kept A Rollin‘).

Das Publikum schaut stoisch und unbeweglich zu. Nur ein Paar tanzt am Rande, selbstverliebt und etwas lustlos, dazu. Dann passiert etwas unerhörtes. Der Gitarrist zerdeppert – vor Publikum – aus Frust vor dem schlechten Verstärker seine Gitarre;  kaputt! (hat er hier von Pete von The Who abgeguckt oder umgekehrt?) Während die Musik weiter läuft! Die funktioniert auch ohne Leadgitarre. Und wirft den übriggebliebenen Gitarrenschaft in die Menge. Alle flippen aus und stürzen sich wie verrückt darauf. Zufällig erhascht unser Protagonist das Teil, kann sich gerade noch aus der ihn wild verfolgenden Menge winden und schafft es nach draußen. Dort ein kurzer Blick auf die Beute und dann schon ehemalige Devotionalie: das gute Stück wird desinteressiert in die Ecke geworfen. Ein Passant sieht es, hebt das Teil nochmal prüfend auf – und wirft es etwas achtlos wieder weg.

Die Wichtigkeit ergibt sich manchmal nur aus dem Zusammenhang heraus, aus Vorstellungen und Bildern – und kann sich auch wieder verflüchtigen. Das entspannt.

Und hier das Werk zum Beweis.

Wunderbare Szene aus Blow Up von Antonioni, die zeigt, dass wichtiges auch sehr schnell mal wieder  unwichtig werden kann.

Hurz!

Dieses Wort kannte ich bisher nicht – es ist mir letztens über den Weg gelaufen. Genau genommen ist es nicht gelaufen, sondern es stand festgefügt in einem Text eingebunden, und ich habe es gelesen, es ist in mein Hirn gewandert und hat etwas ausgelöst. Im Rahmen einer langandauernden und mühsamen Recherche zu den Worten „der Wolf“ und „das Lamm“, die ich zufällig in verschiedenen Zusammenhängen (Radio, Musik) vernommen hatte und das investigative Verlangen verspürte, dem auf den Grund zu gehen.  // weiterlesen! 

25. März 2025 // Kulturelles, Wörter // 2 Kommentare

Königinnen der Steinzeit

Wie soll ich anfangen? Also, in letzter Zeit höre ich gerne auch Rockmusik. Inspiriert durch meine geliebte Polly Jean. Dabei bin ich auch auf eine US-Amerkanische Gruppe gestoßen, die sich „Queens of the Stone Age“ nennt. Ich kannte sie natürlich schon vorher. Hier und da ein Stück im Radio gehört, das mir gut gefallen hat, aber nicht weiter verfolgt. Mittlerweile kenne ich fast alles und muss sagen: das ist schon ein wichtiges Gesamtkunstwerk. Die sind schon sehr gut!  Am Anfang der Karrriere etwas einfach College-Rock-mäßig, später aber (wie die meisten) auch etwas differenzierter. Und auch schön psychedelisch…

Kleiner Nachtrag (07/19): Die haben auch sehr schöne, vielseitige, ungewöhnliche und manchmal leicht extreme, wunderbar rockige Videos zu ihrer Musik.

Schöne, schwülstige, schlüpfrige und wunderbar politisch unkorrekte Hülle des Erstlingswerks mit Anklang aus den Siebzigern

18. Februar 2018 // Musikalisches // Kommentar schreiben!