Privat

Ein altmodisches Wort. Ein Adjektiv, das kaum mehr existiert. Es bedeutet persönlich; dass man etwas für sich behält, oder vielleicht noch im kleinsten Kreis der Familie bekannt gibt. Aber irgendwie ist in letzter Zeit alles öffentlicher geworden. Das ist übrigens das Gegenteil von Privat.

Die Wortverlaufskurve des von mir sehr geschätzten DWDS zeigt die Häufigkeit der Erscheinung des Begriffs in den Medien im Zeitverlauf. Die Kurve steigt Anfang der Achtziger stark an und hält sich weitgehend auf hohem Niveau. Ich hätte erwartet, dass sie in den Zehnern anfängt, stark abzunehmen und in den Zwanzigern einen Tiefpunkt erreicht. Egal. Mein Eindruck zählt!

Die meisten Menschen teilen mittlerweile gerne freiwillig und mit großer Begeisterung ihre vermeintlichen Vorzüge, ihre Pickelprobleme, Zipperlein, Krankendaten, Macken, sexuellen Wünsche, ihre Vorliebe für Pizza und natürlich gern auch krankhaft narzisstische Fotos aus dem persönlichen Umfeld mit wildfremden Leuten. Das Netz hat diesen anscheinend immanenten Drang des Menschen exponentiell beschleunigt. Es gibt wohl einen dogmatischen Zwang, sich mitzuteilen und dabei alles – und ich meine alles – von sich preiszugeben. Aufmerksamkeit erlangen um jeden Preis. Peinlich ist niemanden etwas. Und wenn wir nicht freiwillig alles herausposaunen, wird es eben durch Online-Portale gesammelt, durch die Amis ausspioniert, durch Programme erfasst oder durch Hacker abgegriffen. Und keinen stört’s.

Sehr interessant fand ich eine Aktion zu Anfang der asozialen und demokratiefeindlichen Medien, als Versicherer verkündeten, sie würden die Netzwerke durchforsten, um daraus ihre Schlüsse zu einzelnen Nutzern zu ziehen. Das gab damals noch einen Aufschrei: das darf man doch nicht! Aber doch: die Nutzer hatten ja selbst und freiwillig intimste Informationen im Netz preisgegeben. Öffentlicher geht es nicht. Und was öffentlich ist, kann sich nunmal jeder ansehen und auswerten. Es wundert mich, dass den Akteuren dieser Aspekt nicht so präsent ist. Ja, es ist absurd.

Nun ist es auch soweit gekommen, dass Menschen sich von ihrem Brötchengeber außerhalb der Arbeitszeit anrufen lassen, um geschäftliche Dinge zu klären. Ohne Sonderbezahlung. Früher gab es dafür Bereitschaftsentgelt. Eine Würdigung des Privatlebens. Ich glaube sogar, manche finden das gut – weil sie sich wichtig genommen fühlen. Dabei werden sie nur ausgebeutet.

Tut mir Leid, das ist privat. Das geht Sie nichts an. Aussagen, die man kaum noch kennt. Aber mir ist das wichtig. Auch in diesem Tagebuch sind einige Beiträge auf privat gestellt.

17. Juli 2021 // Gedanken // Kommentar schreiben!

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